Diagnose Vestibularisparoxysmie

Der Leidensweg bis zur Diagnose Vestibularisparoxysmie ist oftmals lang. Gerade bei Schwindel fällt es schwer, zielgerichtet eine geeignete Ärztin oder einen geeigenten Arzt aufzusuchen. So landen viele zuerst bei einer Allgemeinmedizinerin/Allgemeinmediziner, die/der Überweisungen ausstellt und um weitere Untersuchungen bittet.

Heutzutage haben sich mehrere Kliniken in Deutschland dem Schwindelsymptom angenommen und bieten eine breite Untersuchungspalette. Mit der Überweisung in der Hand kann dieser Termin in der Schwindelambulanz in der Klinik gar nicht schnell genug eintreten. Dennoch sind Wartezeiten von einem halben bis dreiviertel Jahr schon fast normal geworden. In dieser Zeit können andere Untersuchungen ambulant in Anspruch genommen werden, wie beispielsweise in den Fachbereichen HNO, Kardiologie, Neurologie und Orthopädie.

heart-665185_640Einschätzung der Fachärzt:innen

Wer einmal mit Schwindel zu tun hat, weiß, dass der Ärztemarathon langwierig und auch anstrengend sein kann. Zu guter Letzt „schwindelt“ die Patientin oder der Patient immer noch vor sich hin und nimmt die Welt nur noch drehend oder schwankend wahr. Zunehmend minimiert sich die Lebensqualität.

Dennoch ist es wichtig, dass jede Fachärztin und jeder Facharzt eine Einschätzung zu diesen Beschwerden abgibt. Denn es soll auch Nichts übersehen werden. Die ersten Untersuchungen gehen meist in die Richtung, einen Schlaganfall auszuschließen. Da der Schlaganfall als ernst zunehmende Diagnose gilt, kann der/die Patient:in dann beruhigter sein, wenn es nicht so ist.

Viele der Schwindelpatient:innen müssen einige Untersuchungen über sich ergehen lassen. So bleibt es auch nicht aus, dass der Kopf mehrmals geschüttelt wird, um mit der Frenzelbrille die Augenbewegungen oder das Augenzittern (Nystagmus) zu erkennen. Bei der Vestibularisparoxysmie wird nur selten dieses spezifische Augenzittern durch die Ärztin oder den Arzt wahrgenommen.

HNO Arzt – Gleichgewichtstest

Eine weitere Untersuchung ist der Gleichgewichtstest (Vestibularisprüfung) in der HNO-Praxis. Auch hier kann die Untersuchung unangenehm werden, wenn der Schwindel beim Liegen auftritt und bis zu mehreren Minuten andauert. Kaltes und warmes Wasser wird abwechselnd in die Ohren gespült, um den Gleichgewichtssinn zu provozieren. Üblicherweise arbeitet ein gesundes Gleichgewichtsorgan den ganzen Tag und gleicht auch so, je nach Klimaveränderung, das Gleichgewicht aus.

Oftmals hört man als Patient:in: „Ach, es dreht sich. Ja wohin denn? Rechts oder links? Ist es im Liegen besonders schlimm?“ Gute Frage, nächste Frage. Was ist schlimm, wenn es um Schwindel geht? Wohin es sich dreht, kann nicht jeder Patient gleichermaßen sagen. Vielmehr ist man doch damit beschäftigt, während dieser Attacken sein Gleichgewicht zu regulieren. Oder? Wenn man nun in der HNO-Praxis Arzt sitzt, fallen einem hier und da Fragen und Antworten ein und irgendwie versucht man, dieses Puzzle zusammenzusetzen.

Jede:r HNO-Ärzt:in wird womöglich erst mal auf einen Lagerungsschwindel tippen, bei denen sich Kristalle im Ohr lösen und das Gleichgewicht ins Wanken bringen. Wer die Diagnose Vestibularisparoxysmie erhalten hat, wird sich wohl nichts sehnlicher wünschen, als einen Lagerungsschwindel, der sich in den meisten Fällen mit bestimmten Übungen beheben lässt.

Die Untersuchungen im HNO-Fachbereich sind beschwerlich und nicht angenehm. Dennoch passiert es, dass bei der Vestibularprüfung eine leichte bis mittelschwere Ungleichheit feststellt wird. Damit ist die Diagnose Vestibularisparoxysmie aber nicht gefestigt. Wie schon angedeutet, ist der Schwindel bei jedem individuell. Die Untersuchung ist trotzdem ein wichtiger Schritt. Denn hierbei wird sich das Gleichgewicht genauer angeschaut und andere Diagnosen ausgeschlossen.

Diagnose VestibularisparoxysmieKardiologie – Schwindel ist wohl eine Herzensache?

Bei den ganzen Schwindeluntersuchungen kann einem schon schwindlig werden. Ich habe oft gehört:“Na bei dem Wort Vestibularisparoxysmie kann einem schon schwindlig werden.“ Wenn anderen schon bei der Aussprache schwindlig wird, wie geht es dann uns Patient:innen? Eigentlich ist es keine Frage, „beschissen und ohne Lebensqualität“ wäre dabei wohl auch die richtige Antwort.

Zu den weiteren Untersuchungen zählt auch der Bereich der Kardiologie. Wer unter Schwindel leidet, weiß, dass auch die Angst eine große Rolle spielt. Das Reinsteigern in bestimmte Umstände und das ständige Schwindelgefühl gehen einem ans Herz. Starkes Herzklopfen sind wohl die Folge dessen und seien wir mal ehrlich: Körperliche Begleiterscheinungen zum Schwindel sind doch mehr als normal.

Es folgen EKG – Kurzzeit oder Langzeit und Untersuchungen. Der Ultraschall des Herzens gehört meist dazu, sowie das Beratungsgespräch. Patient:innen mit einer Vestibularisparoxysmie müssen diese Untersuchungen über sich ergehen lassen, um auch kardiologisch alle anderen Diagnosen ausschließen zu können.

Orthopädie – „Machen Sie mal Rückenschule!“

Na, wer kennt`s das leidige Thema der Rückenschule? Ich kenne es und das schon auswendig. Natürlich ist es so, dass bei Schwindel sofort an die Halswirbelsäule und an den Rücken gedacht wird, gerade bei sitzenden Tätigkeiten. Der/die Orthopäd:in wird uns schon was flüstern, wenn wir mit Schwindel vorsprechen. Aber Hand auf Herz: Nicht jede/r Orthopäd:in ist gleich und Diagnosen, wie Skoliose oder HWS-Syndrom, etc. sollten ausgeschlossen werden.

Vielleicht hatte ich Glück, dass mein Orthopäde genauer hingesehen hat. Von ihm bekam ich nach allen Untersuchungen (z.B. Röntgen Wirbelsäule, MRT HWS) eine Überweisung zum Neurologen, zur Sonografie (Ultraschall) der Halsschlagader. „Sicher ist sicher. Der Schwindel kann auch von verstopften Gefäßen kommen.“ Besonders glücklich war ich von dieser Feststellung nicht und irgendwie fühlte ich mich plötzlich herzkrank.

Neurologie – Diagnose Vestibularisparoxysmie

Mit der Überweisung des Orthopäden sprach ich nun beim Neurologen vor, der mir während der Untersuchung einige Dinge über den Kopf erzählte. Abgesehen davon, dass es viele Möglichkeiten gibt, seinen Kopf untersuchen zu lassen, war ich nicht erfreut über seine Einstellung. „Sollte sich rausstellen, dass es ein Tumor ist, brauchen Sie sich keine Gedanken machen. Ich kenne eine gute Klinik, da kommen Sie dann hin und der Tumor wird rausgeholt.“ Das nenne ich doch Beruhigung und Herstellung der Lebensqualität auf ganze 5 Prozent innerhalb einer Minute. Irgendwie dachte ich noch: „Die Neurologen haben doch alle einen an der Waffel!“ bevor ich draußen am Tresen zur nächsten Terminvereinbarung zusammenbrach.

Es dauerte 4 Wochen bis zum MRT-Termin des Kopfes. Mich beunruhigte dieser Termin sehr, immer mit dem Hintergedanken, welche Klinik wohl die richtige wäre, wenn es doch ein Tumor ist.  Der Neurologe hatte ganze Arbeit geleistet und meinen Schwindel mit allen körperlichen Begleiterscheinungen so richtig in Form gebracht. So lag ich nun auf der Liege, mit Kontrastmittel im Körper und dachte bei den Geräuschen des MRT an nichts anderes.

Wie sollte es auch anders sein: Der Schwindel meldete sich plötzlich unerwartet und schleuderte mich nach Gefühl von der Liege. Ich war ein bisschen dankbar, da ich hoffte, man würde genau diesen Moment auf dem MRT-Bild erkennen.

Diagnose: Vestibuläre Paroxysmie

Üblicherweise gibt es nicht sofort die Auswertung des MRT, so lagen noch viele Tage dazwischen. Da der Schwindel mir keine Ruhe ließ und ich kaum mehr in der Lage war, gerade zu sitzen, bin ich in die Rettungsstelle gefahren. Dort habe ich mein Leid geklagt und bekam „Vomex“ über den Tropf. Große Freude kam auf, als sich der Arzt die nötige Zeit für mich nahm. So richtig wusste er nicht, was er mit mir anfangen soll, denn schließlich kam und ging der Schwindel, wie er wollte.

Der Arzt verschrieb mir Carbamazepin 200 mg pro Tag und gab mir Folgendes mit auf den Weg: „Wenn diese Medikamente gleich helfen, dann ist die Diagnose Vestibularisparoxysmie sicher. Es handelt sich hierbei um einen Gefäß-Nerv-Kontakt im Kopf. Auf dem MRT wird man diesen Kontakt eventuell erkennen können, aber die Medikamente sind die Bestätigung der Diagnose“. Ich hatte ihm gesagt, wenn die Medikamente helfen, werde ich zurückkommen und ihn dafür küssen.

Die Medikamente halfen sofort. Mit dieser Aussage und dem Krankenhausbericht in der Hand sprach ich beim Neurologen vor. „Ach, Sie haben gar keinen  Tumor. Das ist ja schön. Wenn das Krankenhaus Ihnen keine Medikamente gegeben hätte, würde ich das jetzt tun. So steht die Diagnose der Vestibularisparoxysmie fest.“

So bekam ich die Diagnose Vestibularisparoxysmie. Alle Untersuchungen und Beratungen bei Ärzt:innen nahmen ca. ein halbes Jahr in Anspruch. Nicht zu vergessen sind Zweitmeinungen aller Ärzt:innen der einzelnen Fachrichtungen. Patient:innen mit der Vestibularisparoxysmie werden einiges erleben und könnten eigentlich ein Buch darüber schreiben, wie es ist, eine Diagnose zu bekommen, die noch nicht richtig erforscht ist.